18.11.2022

Mehrarbeitszuschläge in der Zeitarbeit

Für das Erreichen des Schwellenwerts, ab dem nach den Bestimmungen des Manteltarifvertrags für die Zeitarbeit ein Anspruch des Arbeitnehmers auf Mehrarbeitszuschläge besteht, sind nicht nur die tatsächlich geleisteten Arbeitsstunden, sondern auch genommene Urlaubsstunden zu berücksichtigen.

Select Dynamic field

© electriceye/fotolia.com

Das Bundesarbeitsgericht hat sich im Urteil vom 16.11.2022 (10 AZR 210/19) mit den Mehrarbeitszuschlägen nach dem Manteltarifvertrag für die Zeitarbeit und der Berücksichtigung von Urlaubsstunden beschäftigt.

Darum ging es im Streitfall

Der Kläger war bei der Beklagten als Leiharbeitnehmer in Vollzeit mit einem Bruttostundenlohn im Jahr 2017 von 12,18 Euro beschäftigt. Für das Arbeitsverhältnis der Parteien galt aufgrund beiderseitiger Organisationszugehörigkeit der Manteltarifvertrag für die Zeitarbeit in der Fassung vom 17.09.2013 (MTV). § 4.2.1. MTV bestimmt, dass Mehrarbeitszuschläge in Höhe von 25 % für Zeiten gezahlt werden, die im jeweiligen Kalendermonat über eine bestimmte Zahl geleisteter Stunden hinausgehen. Im Monat August 2017, auf den 23 Arbeitstage entfielen, arbeitete der Kläger 121,75 Stunden und nahm 10 Tage Urlaub in Anspruch, die die Beklagte mit 84,7 Stunden abrechnete. Mehrarbeitszuschläge leistete sie für diesen Monat nicht.

Der Kläger verlangt mit seiner Klage Mehrarbeitszuschläge für die über 184 Stunden hinausgehenden Stunden und meint, die für den Urlaub abgerechneten Stunden seien einzubeziehen. Die Vorinstanzen haben die Klage abgewiesen.

EuGH hatte sich mit dem Fall befasst

Auf ein Vorabentscheidungsersuchen des Bundesarbeitsgericht (Beschluss vom 17.06.2020 – 10 AZR 210/19 (A)) hat der EuGH mit Urteil vom 13.01.2022 (C-514/20) entschieden, dass das Unionsrecht (Art. 7 Abs. 1 der Richtlinie 2003/88/EG) einer tariflichen Regelung entgegensteht, nach der für die Berechnung, ob und für wie viele Stunden einem Arbeitnehmer Mehrarbeitszuschläge zustehen, nur die tatsächlich gearbeiteten Stunden berücksichtigt werden, nicht aber die Stunden, in denen der Arbeitnehmer seinen bezahlten Jahresurlaub in Anspruch nimmt.

Was gilt für Mehrarbeitszuschläge?

Die Revision des Klägers hatte unter Zugrundelegung dieser Entscheidung vor dem BAG Erfolg. Die tarifliche Regelung des § 4.2.1 MTV muss bei gesetzeskonformer Auslegung so verstanden werden, dass bei der Berechnung von Mehrarbeitszuschlägen nicht nur tatsächlich geleistete Stunden, sondern auch Urlaubsstunden bei der Frage mitzählen, ob der Schwellenwert, ab dem solche Zuschläge zu zahlen sind, überschritten wurde. Anderenfalls wäre die Regelung geeignet, den Arbeitnehmer von der Inanspruchnahme seines gesetzlichen Mindesturlaubs abzuhalten, was mit § 1 BUrlG in seinem unionsrechtskonformen Verständnis nicht vereinbar wäre.


BAG vom 16.11.2022 / Viola C. Didier, RES JURA Redaktionsbüro.

Weitere Meldungen


Michael Fuhlrott
Interview

Michael Fuhlrott

05.12.2022

Arbeitszeit ist tatsächlich zu erfassen – bloßes Bereitstellen eines Systems reicht nicht

Die Gründe zur vielbeachteten „Zeiterfassungsentscheidung“ des Bundesarbeitsgerichts aus September 2022 liegen vor. Das höchste deutsche Arbeitsgericht verpflichtet Unternehmen zur tatsächlichen Erfassung der Arbeitszeit. Vorgaben, mittels welchen Systems dies zu erfolgen hat, enthält die Entscheidung aber nicht.

Arbeitszeit ist tatsächlich zu erfassen – bloßes Bereitstellen eines Systems reicht nicht
Flugzeug, Flughafen, Pilot, Dienstreise, Außendienst (7460)
Meldung

©Ekaterina Pokrovsky/fotolia.com

02.12.2022

BAG zur Versetzung ins Ausland

Das BAG hat über die Wirksamkeit der Versetzung eines Flugkapitäns an einen Standort im Ausland entschieden. Das Urteil ist für viele Branchen wichtig.

BAG zur Versetzung ins Ausland
S, Entsendung, AEntG, ArbeitnehmerEntsendegesetz, Arbeitnehmer, Geld, Euro, Gehalt, Tarifvertrag, Geschäftsreise
Meldung

©calvste /123rf.com

29.11.2022

Gehälter sollen laut Umfrage 2023 um 4,5 % steigen

Der Inflationsdruck lässt die Gehälter in Deutschland im Jahr 2023 um 4,5 Prozent steigen, zeigt der Salary Budget Planning Report von WTW.

Gehälter sollen laut Umfrage 2023 um 4,5 % steigen

Das könnte Sie ebenfalls interessieren:


Haben wir Ihr Interesse für die ZAU geweckt?

Testen Sie kostenlos zwei Ausgaben inkl. Datenbankzugang!